14. September 2018
Der "Zauberberg" erschien 1924, und seitdem treibt die literarische Welt eine Frage um, auf die sie bisher vergeblich eine Antwort suchte: Wo hielt sich die schöne, jedoch innerlich "wurmstichige" Clawdia Chauchat auf, nachdem sie in der Faschingsnacht dem guten Hans Castorp den Kopf verdrehte, indem sie ihm verruchterweise ihren Drehbleistift lieh, und bevor sie, zwei Jahre später, an der Seite von Mynheer Pieter Peeperkorn zurückkehrte ins Lungensanatorium Berghof? - Sie sei "in den...
03. September 2018
Im Zickzackkurs schrauben wir uns schnaufend den steinigen Bergpfad hinauf, unser Blick schweift über Geröllfelder auf schroffe Felskanten. Es dämmert bereits und der Sturn pfeift uns um die Ohren. Kann man sich am frühen Abend noch in solchen ungastlichen Höhen herumtreiben, ohne Angst zu haben, zu erfrieren, zu verhungern, zu verdursten oder alles zusammen? Plötzlich ein windschiefes Holzschild: "Refuge de Beyssellance, 30 min". Hörbares Aufatmen, die halbe Stunde schaffen wir auch...
14. August 2018
Montreal, so heißt das hübsche winzige Städtchen einen Tagesmarsch nach Carcassonne, wo wir am Vorabend des französischen Nationalfeiertages auf den örtlichen Feuerwehrball gerieten, Feuerwerk inklusive. Das WM-Finale sahen wir auf dem Marktplatz von Mirepoix, Jubeltaumel inklusive. In Mirepoix waren wir am Vortag im "Hotel do Commerce" Mittag essen, was genauso gediegen war wie es klingt. Mittagessen, das ist ein bisschen entgegen unseren Gewohnheiten, die eher zum Abendessen neigen, und...
10. August 2018
Warum macht es uns so glücklich - ja, doch: so richtig glücklich! -, den ganzen Tag in der Natur zu sein, oder jedenfalls an der frischen Luft? - Denn von dem, was wir auf unserer Wanderung wahrnehmen, ist ja nichts außergewöhnlich - nichts, was man nicht auch ohne monatelanges Wandern (es ist übrigens gerade sagenhafte viereinhalb Monate her, seit wir in Frankfurt losgelaufen sind) wahrnehmen könnte. Zum Beispiel den Sternenhimmel: Kann man auch sehen, wenn man sonstwo nachts auf den...
27. Juli 2018
Während ich mir die Zähne putze, rasiert sich der Mittvierziger in Adidas- Badelatschen sorgfältig einen verwegen ausschauenden Dreitagebart hin. Die Dame, die sich neben Wolfgang für den Tag herrichtet, belegt sämtliche Ablageflächen, um ihre diversen Cremes und Tübchen auszubreiten, so dass Wolfgang nach seiner Morgentoilette genaue Auskunft über ihren Hauttyp geben könnte. Nein, wir haben keine Nacht zu viert hinter uns, sondern befinden uns einfach mal wieder auf einem...
12. Juli 2018
"Hier sieht's ja aus wie in Deutschland!", ruft Anja aus, erwundert und auch ein bisschen enttäuscht. Dass Südfrankreich nicht uniform und nicht überall provençalisch ist, war uns spätestens in den Cevennen klargeworden. Aber muss es deshalb gleich wie im Schwarzwald sein, mit dichten, dunklen Nadelwäldern, tief eingeschnittenen Tälern und saftig grünen Wiesen? Vor Lodève, wo wir - siehe den vorherigen Blogeintrag - ein paar Tage gefaulenzt hatten, waren wir über heiße, karstige...
01. Juli 2018
Hinter den Frostglastüren des Schrankes im Schlafzimmer ahnt man die hängenden Kleider und Blusen und die gestapelten Pullover von Madame Sandy. Umgeben vom Modeschmuck schmunzeltf5 ein Buddha von der Kommode, das Bad ist vollgestellt mit ihren Parfums und Kosmetika, das Bücherregal gibt Auskunft über Sandys literarischen Geschmack. Im Kinderzimmer, in dem wir unsere Rucksäcke lagern und später den Wäscheständer aufstellen, wohnen offenbar zwei Jungs, die zwischen acht und zwölf sein...
26. Juni 2018
Ausruhtag in Valence, Bummel durch die Altstadt. Zwischen den bunten Sonnenschirmen der unzähligen Cafés und Brasserien schlendert man vorbei an hippen Second- Hand Boutiquen, witzigen Lädchen junger französischer Designer, schicken Taschengeschäften und originellen Schuhläden. Vieles ist schon jetzt herabgesetzt. Der entscheidene Begriff ist: vorbeigehen! Bloß nicht rein, bloß nichts anprobieren, auch nicht nur eben mal so, nur um zu schauen, wie's aussieht. Einfach zügig weitergehen...
15. Juni 2018
Der Süden! Dass er irgendwann beginnt, wenn man auf der Route Napoléon nach Grenoble die hohen Berge hinter sich gelassen hat, das wissen wir, seit wir in die Provence fahren. Aber zu Fuß hat man mehr Zeit und Muße, man passt besser auf, man registriert die Veränderung genauer: Nun beginnt er, der Süden - aber wann genau? Und warum? Woran merkt man das? Wir haben die Veränderung an einem einzigen Tag jäh gespürt, gesehen, erkannnt und benannt, ganz plötzlich. Plötzlich, fast von...
05. Juni 2018
Manuel Coronado Gil läuft den E4, den Europäischen Fernwanderweg von Gibraltar nach Zypern, und zwar seit Jahren. Das heißt nicht, dass er noch mehr Zeit hätte als wir. Im Gegenteil, der Spanier arbeitet noch, in jedem Urlaub läuft er zusammen mit Paul - wer Paul ist, würde man vermutlich erfahren, wenn man Manuels Blogbeiträge von Gilbraltar an läse - vier oder fünf Wochen den E4. Wenn der Urlaub vorbei ist, fährt jeder zu sich nach Hause zurück, und im nächsten Urlaub nehmen sie...

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