Bei Madame Sandy und bei den Mönchen von der strengeren Observanz

Hinter den Frostglastüren des Schrankes im Schlafzimmer ahnt man die hängenden Kleider und Blusen und die gestapelten Pullover von Madame Sandy. Umgeben vom Modeschmuck schmunzeltf5 ein Buddha von der Kommode, das Bad ist vollgestellt mit ihren Parfums und Kosmetika, das Bücherregal gibt Auskunft über Sandys literarischen Geschmack. Im Kinderzimmer, in dem wir unsere Rucksäcke lagern und später den Wäscheständer aufstellen, wohnen offenbar zwei Jungs, die zwischen acht und zwölf sein dürften, wie das Spielzeug verrät. Während es keinen Hinweis auf ein erwachsenes männliches Wesen gibt.

Sandy hatte uns im Zentrum von Valence abgeholt, in ihre Wohnung gefahren, uns erklärt, wo es zum Bäcker geht und wie die Waschmaschine funktioniert, sie hatte die Kühlschranktür geöffnet und "voilà, les confitures" gesagt, ihre Nespresso-Maschine zur Benutzung freigegeben, den Briefkasten gezeigt, in den wir den Schlüssel werfen sollten, wenn wir gingen. Dann hatte sie uns einen schönen Aufenthalt gewünscht und war verschwunden, und wir waren zurückgeblieben in ihrer Wohnung, zwischen ihren Dingen, in ihrer persönlichen, geradezu intimen Atmosphäre. Bei aller Großzügigkeit - irgendwie, ohne es zu wollen, erfahren wir zuviel von ihr.


Die Wettervorhersage war mies, deshalb stiegen wir in den Omnibus nach Valence - wenn schon Regen, dann lieber in einer Stadt. Die Wettervorhersage war allerdings falsch. Angesehen von zwei abendlichen Gewittern, die wir uns gemütlich bei einem Glas Wein auf Sandys Balkönchen betrachteten, verbrachten wir zwei sonnige, faule Tage in Valence, dem Eingangstor zur Provence. An der Rhône gelegen, von ihr jedoch durch die Autoroute du Soleil getrennt, besitzt sie ein interessantes Museum. Mehrere alte Gebäude verschachteln sich mit modernen Trakten, und die Sammlung folgt der gleichen Logik. Das ist ein zwar etwas unübersichtliches, aber am Ende ganz interessantes Durcheinander von Kunst, Naturkunde und Archäologie. Eine Ausstellung über die Geschichte der Landschaftsmalei endet vor einem riesigen Gemälde der Amerikanerin Joan Mitchel, die in Frankreich lebte und wunderbare Farbklecksereien auf der Leinwand zustandebrachte.


Anja erinnert an die stets etwas ärgerliche, weil demütigende Situation beim Auschecken in brasilianischen Hotels: Man will bezahlen, die Rezeptionistin fragt einen nach dem Minibar-Konsum, raunt dann die Zimmernummer ins Telefon, legt auf, und fünf Minuten später ruft der Minibar-Kontrolleur zurück. Der Gast ist nur das letzte Ziel des systematischen Misstrauens, das zuvor die Zimmermädchen genauso wie alle Angestellten des Hotels erfasst hat. Minutiöse Kontrolle, dreimaliges Nachzählen, Beleg und Quittung für alles und jedes - was für ein Gegensatz zu dem Vertrauensvorschuss, den uns Sandy einräumt! Hätten wir zum Beispiel die geradezu luxuriöse, wunderbar in der Hand liegende Knoblauchpresse aus Sandys perfekt ausgestatteter Küche mitgehen lassen, dann hätte sie das nur in ihrem Kommentar zu unserem Besuch auf der Website von Airbnb anprangern können. Aber abgesehen davon, dass bei vielen, schnell aufeinander folgenden Mietern ihrer Wohnung kaum festzustellen wäre, wer nun die Knoblauchpresse gemopst hat - es ist natürlich nicht die Sanktionsmöglichkeit auf der Airbnb-Seite, die das Verhältnis zwischen Gastgeber und Gast bestimmt. Sondern die Gewissheit, einander vertrauen zu können.

Ladenbesitzer, die zwei Stunden Mittagspause machen, aber die Auslagen vor ihren Geschäften einfach stehen lassen. Campingplätze, die keine Zäune, geschweige denn Bewachung haben. Hotel-Rezeptionistinnen, die zwar nach dem Minibar-Konsum fragen, dann aber eben nicht zum Telefon greifen, sondern dem Kunden einfach glauben - das allgegenwärtig waltende Grundvertrauen in Europa erstaunt uns immer wieder, immer noch. Vielleicht ist es auf der zwischenmenschlichen Ebene das Gegenstück zu dem, was auf der gesellschaftlich-politischen Ebene die Rechtssicherheit ist. Also die wenn auch nicht völlige, so doch weitgehende Gewissheit, dass grundsätzlich die Menschen sich an das kollektiv Verabredete und Übereingekommene halten, sei es juristisch, sei es moralisch festgelegt worden.

"Lauft doch noch nach Aiguebelle, die Mönche dort haben eine Hotellerie", riet die Chefin eines superfeinen, superschicken, superteuren Landhotels ein paar Kilometer von Grignan entfernt, als wir abends um halb sieben bei ihr anfragten, aber dann doch lieber keine 155 Euro für Duschen und Schlafen ausgeben wollten. Grignan, dort begann vor zehn oder zwölf Jahren unsere Wanderung durch die Provence. Also ein historischer Ort für uns, aber die sechs Kilometer dorthin wären Landstraße gewesen. Also dann lieber zu den Mönchen ins Hotel, dachten wir Naivlinge. Zumal Aiguebelle auf unserem Wanderweg lag.

Hotellerie heißt natürlich nicht Hotel. Der "frère hotelier", also der für die Übernachtungen zuständige Mönch, ist gar nicht begeistert, als wir kurz vor acht Uhr am Portal des riesigen Klostergebäudes klingeln: Die Brüder hätten längst gegessen, weil sie ja nun früh aufstehen müssten, naja gut, übernachten könnten wir, aber zu essen gebe es nichts mehr. Er weist uns, ohne irgendetwas zu fragen, ein großes Zimmer mit zwei natürlich getrennten Betten an, das nach der heiligen Hedwig benannt ist, zeigt uns Bad und Toilette, und eine Stunde später, nachdem wir geduscht und unsere eiserne Ration verzehrt haben, klopft er leise an: Ob wir denn nicht zum Essen kämen. Ein Missverständnis, vielleicht auf die Sprache zurückzuführen, vielleicht aber auch auf unsere Befangenheit in dieser fremden Atmosphäre.

Aiguebelle ist ein 1137 gegründetes Zisterzienserkloster. Geich nach der Französischen Revolution wurde es aufgelöst und Anfang des 19. Jahrhunderts neugegründet, und zwar vom Trappisten-Orden, den man auch als "Zisterzienser von der strengeren Observanz" bezeichnet. Von dieser strengeren Observanz kriegen wir erstmal nur mit, dass das Sprechen auf den Zimmern und Gängen unerwünscht beziehungsweise untersagt ist, wie es in der Hausordnung heißt, die auf dem Zimmer ausliegt. Dort stehen auch die Anfangszeiten der Messen. Die erste des Tages beginnt um vier Uhr nachts.

Wolfgang entscheidet sich für eine der weniger strengen Observanz, nämlich die um sieben Uhr. In der romanischen Kirche ist nur der Chor ausgeleuchtet, zwölf Mönche singen, von leisem Harmoniumklang begleitet - ein religiöses Ritual in geistlicher Selbstversunkenheit. Das Abendmahl schließt sich an, die Apsis wird erleuchtet, der geschlossene Kreis der Mönche erweitert sich um etwa zwölf bis vierzehn Laien, die ebenfalls den Leib des Heilands als Wein und Brot zu sich nehmen.


Anschließend treffen die Laien-Teilnehmer im Refektorium zum Frühstück zusammen. Man kann ja durchaus Sympathien hegen für den Wunsch, dem allfälligen Geplapper der Welt ein Schweigegebot entgegenzuhalten. Aber auf der anderen Seite ist es schon sehr gewöhnungsbedürftig, mit einem Dutzend Menschen an einem Tisch zu sitzen und zu frühstücken, ohne dass ein Wort fallen darf. Das in den Saal gehauchte "bon jour" bleibt freundlich unbeantwortet, selbst die Bitte, doch mal das Marmeladenglas herüberzureichen, wird, bei freundlichem Lächeln, gestisch zum Ausdruck gebracht.

Der "frère hotelier" nimmt unsere fast schon geflüsterte Entschuldigung für das Missverständnis um das Abendessen freundlich entgegen. Als wir die Rucksäcke geschultert haben und gehen wollen, sagt die Küchenhilfe, der "frère hotelier" sei schon weg. Ja, und bezahlen? Sie zeigt auf eine Art Opferstock und wendet sich eher gleichgültig als diskret ab.

Wir Heiden haben Kirche bisher in unserem Leben eher als Raum erlebt, in dem Menschen zusammenkommen, sich kennenlernen, Probleme diskutieren, Ideen austauschen, neue Gedanken entwickeln. Die Weltabgewandtheit, die Versunkenheit ins Geistliche, diese Selbstgenügsamkeit des Glaubens ist die radikal gegensätzliche Vorgehensweise in der Auseinandersetzung mit Gott und der Welt. Sehr merkwürdig für uns, und sehr unverständlich. Von Sandy haben wir zuviel erfahren, hiervon würden wir gerne mehr wissen.


Viele, denen wir begegnen, fragen uns, ob wir den Jakobsweg gehen. Tun wir nicht, erstens der Geografie wegen, denn wir wollen nicht nach Santiago de Compostela, sondern nach Lissabon. Zweitens sind wir nicht religiös. Und drittens können wir beide nichts anfangen mit der sozusagen weltlichen Frömmigkeit, die so eine lange Wanderung, egal wohin, metaphysisch überhöht, als Reise zum eigenen Ich, als Methode der Selbsterkenntnis, als Ritual der persönlichen Läuterung und so weiter. Es kommt uns so vor - am Wandertag nach Aiguebelle sprechen wir viel darüber -, als wollten die, die so denken und argumentieren, der Entzauberung der modernen Welt doch wieder etwas mit etwas Zauberei begegnen - Zauberei der psychologisierend-esoterischen Sorte, etwa nach der Art all der vagen "Energien" und "Schwingungen", von denen heutzutage gerne mal die Rede ist.

Das Buch von Hape Kerkeling jedenfalls haben wir entweder angefangen und weggelegt (Wolfgang) oder gar nicht erst zur Hand genommen (Anja). Uns erfreut es beide, so viel in der Natur zu sein und dem Körper wenn auch maßvolle Anstrengungen abzuverlangen. Nicht mehr und nicht weniger. Das reicht uns völlig an Sinnzuweisung.


So ernst geht es auf unseren Tageswanderungen wirklich nicht immer zu. Seit einiger Zeit vergnügen wir uns damit, uns potenzielle Gefahrensituationen auf das Schrecklichste auszumalen und uns eine Bildzeitungs-Schlagzeile dazu auszudenken. Ein paar Beispiele:

HIRTENHUND VERWECHSELT DEUTSCHEN RENTNER MIT WOLF - TOTGEBISSEN!

DEITSCHE RENTNERIN FÄLLT IN FRANKREICH BEIM KIRSCHENSTEHLEN VON BAUM - MUSS AOK KRANKENTRANSPORT NACH HAUSE BEZAHLEN?

DEUTSCHES RENTNER-EHEPAAR GERÄT IN AUTORENNEN - TOTGEFAHREN!

DEUTSCHER RENTNER BEI HOTELSUCHE VERSCHWUNDEN - FRANZÖSISCHE POLIZISTEN VERSPOTTEN BESORGTE EHEFRAU: "VERSCHWUNDENE EHEMÄNNER HABEN WIR HIER DREIMAL DIE WOCHE"

Und weil wir ein Wochenende später nochmal beheult und beknattert werden:

DEUTSCHES RENTNER-EHEPAAR GERÄT ERNEUT IN AUTORENNEN - NOCHMAL TOTGEFAHREN!

Wir überqueren die Rhône südlich von Montelimar. Viziers, die erste Stadt am westlichen Ufer, ist ein mittelalterliches Schmuckstück mit engen Gassen, alten Palästen, prächtigen Kirchen auf einem malerischen Hügel - der alte Reichtum einer alten Handelsstadt. Und trotzdem ist Viziers ziemlich tot, offenbar töter noch als die vielen Städtchen und Dörfer, in denen es kaum noch Restaurants, Cafés, Geschäfte gibt. Eine Route Nationale führt mitten durch die Stadt, heftig befahren von Lastwagen, die offenbar die mautpflichtige Autobahn meiden. Viziers sei eine "ville dortoir", eine Schlafstadt, klagt der junge Mann, in dessen Fremdenzimmer wir übernachten - Jobs gebe es kaum noch in Viziers, wer hier wohne, fahre zum Arbeiten sonstwohin. Das Zimmer in dem alten Bürgerpalast ist riesig, hat einen Kamin mit einem goldgerahmten Spiegel darüber und nebenan ein nagelneues Badezimmer. Und trotzdem fliegt uns der Eindruck von Verfall und Niedergang an. Ein Vorfahre habe den Palast im 19. Jahrhundert gebaut und bewohnt, erzählt unser Gastgeber beim Frühstück. Heute sind die Zimmerfluchten in vier Wohnungen unterteilt, und der Nachfahre des ersten Besitzers scheint sich nur mit dem Vermieten über Wasser zu halten.

Der Mistral bläst endlich die Regenwolken weg, die völlig anormal das Wetter im Mai und Anfang Juni bestimmt haben, sodass die Kirschen an den Bäumen verfaulten. Wir wandern parallel zur Ardèche-Schlucht, ziemlich langweilig, weil der Weg über Kilometer und Kilometer auf einer breiten Schneise durch den Wald führt, zu weit von der Schlucht entfernt, um hineinschauen zu können. Wir gelangen endlich an einen Campingplatz, der am Rand der Canyons liegt. Wir bleiben einen Tag, steigen ab zum Fluss, baden und schauen den Paddelbooten zu - so viele schon jetzt in der Vorsaison, dass man gerne glauben mag, was wir irgendwo lesen: Dass der Flussabschnitt der Schlucht im Sommer von täglich 3000 Paddelbooten befahren wird.


Schließlich die Cevennen, die wir seit Tagen am Horizont sehen. Ein kräftiger Aufstieg, und dann ist man oben, und anders als in der nördlichen Provence, wo es stets hinauf und wieder hinunterging, bleibt der Wanderweg über Tage hinweg in den Höhen. Die sind zwar nicht so richtig hoch - 1200 bis 1500 Meter -, aber sie gestatten weite Ausblicke. Auf dem Dach der Welt, und darüber die blaue, endlich wolkenlose Himmelsherrlichkeit- so laufen wir durch Hochmoore, dichte Wälder, über weite Wiesen und glasklare Bäche.

In der Kleinstadt Lodève, schon am südwestlichsten Zipfel der Cevennen, mieten wir für drei Tage das ehemalige Atelier eines Künstlers, ein eigentlich unscheinbares, aber höchst originell eingerichtetes Stadthaus in einer engen Gasse mit einer perfekt eingerichteten Küche. Wir verbringen die drei Tage mit wenig mehr als Einkaufen, Kochen und Lesen. Unsere neuesten kulinarischen Errungenschaften: Zum Nachtisch Blaubeer- und Apfel-Crumble, als Vorspeise Ziegenkäse-Nougat.

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Kommentare: 4
  • #1

    Monika (Sonntag, 01 Juli 2018 17:05)

    "Was schafft der Tölpel
    dort mit dem Topf?
    Brenn ich hier Stahl,
    braust du dort Sudel?"

  • #2

    Ingeborg und Dieter (Sonntag, 01 Juli 2018 17:08)

    Wunderbar, Euer Reisebericht eine wahre Genusslektüre. Danke!

  • #3

    Carmen (Sonntag, 01 Juli 2018 23:53)

    finde ich auch! Ein von mir immer erwarteter, wenn die Fortsetzung kommt, sehr schnell verschlungener Leckerbissen. Diesmal hats mich aber irgendwie auch wehmütig berührt. Vielleicht weil wir als Kinder doch so oft gewandert sind,auf der Alb im Schwarzwald ,am Bodensee und da ist ne Saite angeklungen? oder auch weil ich es mir wünschen würde sowas zu tun und es unmöglich erscheint. Egal! Sagenhaft ist es, dass Ihrs tut und wir ein wenig teilhaben dürfen . 1000 Dank!

  • #4

    Anja (Dienstag, 03 Juli 2018 15:49)

    Ihr lieben Blogleser und Mitwanderer in Gedanken, wir freuen uns riesig über eure Aufmunterungen, Mitwandern und Anmerkungen, vielen Dank! Echte Motivation ist das!