Streckenabschnittspartner und Wiiwegeli


Es hätte auch in Oberhausen passieren können, oder in Pritzwalk, oder in Traunstein. Wir kommen in Staufen am Rande des südlichen Schwarzwaldes an, schalten abends im Hotel denn Fernseher an, hören vom Auftakt des Prozesses in Stuttgart: Hier in Staufen war es, wo eine Mutter ihren neunjährigen Sohn im Internet zur Vergewaltigung angeboten hat.

Wir machen noch einen Spaziergang durch die Stadt. Eine perfekte Kulisse für den gehobenen Tourismus, mit edlen Geschäften,  feinen Restaurants, besseren Hotels. Es ist warm, vor dem Café sitzen sie noch draußen, während in den üblichen Lämmern, Sternen, Hirschen und Löwen schon zu Abend gegessen wird. Beim Goldschmied ist Vernissage, die halb auf der Straße stattfindet, und am Ende des Marktplatzes steht der Kiosk eines Weingutes, gut besucht am frühen Abend. Wir lassen uns dort nieder und trinken zur Feier des Tages ein Gläschen Schampus: Wir sind heute genau vier Wochen unterwegs.

Statistisch kann man sicherlich bestimmte Verbrechen bestimmten sozialen Milieus zuordnen; in Berlin-Neukölln kommt es vermutlich häufiger zu Körperverletzungen als in Zehlendorf, wo wiederum Steuerhinterziehung üblicher sein dürfte als in Neukölln. Aber so singulären Scheußlichkeiten wie den, von denen im Falle Staufen die Rede ist, kann man keinem Milieu zuordnen. Sie haben keinen Ort, und gerade deshalb können sie überall passieren. Also im idyllischen Staufen genauso wie in Oberhausen, Pritzwalk oder Traunstein.


Wir sind dem Frühling entgegengewandert. Von den kalten Schwarzwald-Höhen sind wir in Richtung Kaiserstuhl abgebogen,  Nadelbäume weichen zunehmend  Weinbergen. Und Obstblüte, wohin man schaut! Eine tolle Abwechslung, die sich uns da innerhalb eines Monats bietet. Auch dies nach dem brasilianischen Dauersommer - für den wir Jahrzehnte lang sehr dankbar waren - ein freudiger Anblick! 

Abwechslung bieten uns auch unsere Streckenabschnittspartner - wir bleiben nie lange allein. Nach Riegel am Kaiserstuhl düsen Tommy und Kerstin aus Stuttgart an. Wir verbringen ein fröhliches, sonniges Wochenende zwischen Rebstöcken und "Straussen", wie die Weinkneipen hier genannt werden.

Wir laufen weiter ins nette Städtchen Ihringen, also vom Nordost- zum Südwest-Zipfel des Kaiserstuhls. In  Breisach  besichtigen wir den Hochaltar im Stephanusmünster - in jeder Hinsicht eine Menge Holz in der Düsternis des Gotteshauses.

Und weiter nach Neuf-Brisach, ein Ausflug in die Geschichte des ewig umkämpften Elsass. 1699 beauftragte Loius XIV, der Sonnenkönig, seinen Festungsarchitekten Vauban mit dem Bau einer Gegenfestung zur deutschen Reichsfestung Breisach. Vauban ließ innerhalb von vier Jahren die damals größte Befestigungsanlage nach dem Muster einer barocken Reißbrettsiedlung. Zwei km kann man insgesamt im Festungsgraben die Stadt umwandern. Wir gehen bloß ein Stückchen. So richtig erquicklich ist es nicht, auf den breiten Grasflächen der Festungsgräben herumzuspazieren, die immer von sechs, acht Meter hohen Mauern aus Vogesen-Steinquadern bestehen. Man könnte sich darüber freuen, dass solche Monster heute nicht mehr errichtet werden, wenn die Mauern des Sonnenkönigs nicht ein Klacks wären gegen die heutigen Militärarsenale weltweit.

Am Abend sitzen wir, wenn auch noch im Schutz eines Gasheizungspilzes, zum erstem Mal abends im Freien. Mit Claudia und Georg, Freunden aus Wolfgangs Afrika-Jahren, verbringen einen schön verklönten Abend in einer Strauß-Wirtschaft.

Dann wieder mal richtig Stadtluft schnuppern. Wir fahren nach Freiburg, am Bahnhof werden wir herzlich von Günther empfangen, einem alten lieben Bekannten aus Brasilienzeiten. Günter ist Initiator der NGO Brasilienintiative Freiburg, der Verein betreut mehrere Sozialprojekte in Brasilien. Seine brasilianische Frau Cida und er wohnen in einem bürgerlich-alternativen Viertel voller hübscher, großzügiger Wohnblock, wo es, wie Günther ironisch sagt, ökologisch korrekt bis hin zum Öko-Faschismus zugeht. Kurioserweise heißt das Viertel wie der Festungsbaumeister, weil früher dort französische Kasernen standen.

Als letzte Etappe auf deutschen Boden laufen wir das "Wiiwegeli" von Freiburg nach Weil am Rhein, ein sanftes Auf und Ab zwischen Weinberge und ergrünenden Feldern. Wiiwegeli - das "Weinweglein" markiert den Übergang von zwei verschiedenen Diminutiv-Sphären der deutschen Sprache. Hinter uns bleibt die schwäbisch-badische Welt des le, in der Maultaschensüpple und Bretzele gegessen und Viertele getrunken werden, und vor uns herrscht, bis die französischsprachige Schweiz beginnt, das Wiiwegeli.

In Weil am Rhein suchen wir uns gleich mal ein Quartier, nach Basel sind es ja nur ein paar Kilometer, und in die budgetstrapazierende Schweiz kommen wir ja sowieso noch früh genug.
Die Stadt Weil ist grossflächig auf reale und Internet-Shopper aus der Schweiz ausgerichtet, die vom niedrigeren Preisniveau in Deutschland profitieren wollen. Outlet- und Megastores prägen das Stadtbild, ein Schilderwald weist dem Eidgenossen den Weg zu einem der zahllosen Depots, an denen er sein Päckli abholen kann.

Ein erstaunlicher Kontrast: Ganz in der Nähe liegt Vitra, das Mekka des modernen Designs, das wir uns mit einer größeren Gruppe von ausgesprochen schick gestylten Asiaten anschauen. Und ein, zwei Kilometer weiter, durch eine Autobahn und die ICE-Trasse von musealen Vitra getrennt, breitet sich ein gesichtsloses, um keinerlei Schönheit bemühtes Industrie- und Großmarkt-Viertel aus. Speditionen, Gebrauchtwagenhändler, Dönerbuden, Möbellager, Päckli-Depots - nein, von Architekturstars wie Zaha Hahid oder Herzog & de Meuron ist das auf dieser Seite von Autobahn und ICE-Trasse nicht.

Aber immerhin, die Hässlichkeit kann mitunter ergreifend hässlich sein. 

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Kommentare: 3
  • #1

    Monika (Montag, 23 April 2018 13:27)

    Weia! Waga!
    Woge, du Welle,
    walle zur Wiege!
    wagala weia!
    wallala weiala weia!

  • #2

    Christian (Montag, 23 April 2018 18:09)

    Oi Anja, verkehrte Welt. Du bist in der schönen Heimat und ich bin an deiner alten Arbeitsstelle, Rio Sul 37. OG. Bin gespannt wie es bei euch weiter geht. LG CHRISTIAN

  • #3

    Bärbel (Dienstag, 24 April 2018 11:45)

    Es ist schön, von Euch zu lesen. Gratulation zur ersten 4-Wochen-Bald lassen-wir-Deutschland-hinter-uns-Etappe!