Caipirinha und Currywurst

Zwei Tage Ausruhen in Stuttgart. Eine Wohltat für die Füsse und fürs Gemüt. Denn nach dem wunderbaren Empfang bei Gabriele und Dieter endet der erste wanderfreie Tag in der Bar " La Concha". Dort erwarten uns schon unsere alten Freunde aus Riozeiten, Kerstin und Tommy, mit der ersten Runde Caipirinha. Schmeckt mindestens so gut wie in Rio, und wir lassen die gemeinsame Zeit unterm Zuckerhut Revue passieren. Nach der Caipirinha gehts durch die zwei Strassen Stuttgarter Rotlichtviertel um die Ecke zum Brunnenwirt, dort gibt's laut Tommy die beste Currywurst Stuttgarts. Dem stimmen wir ohne Zögern zu. Der Abend endet in ihrer neubezogenen Wohnung, bei Wein und Kerstins leckerem Chili con Carne, gegen Mitternacht fahren wir mit der Straßenbahn zurück, gehen dabei mehrere Stationen zu Fuss und freuen uns einmal mehr darüber, dass man in Deutschland nachts durch die Strassen gehen kann, ohne gleich um Leib und Leben fürchten zu müssen.
Am nächsten Tag noch ein Besuch in der Staatsgalerie und eine Beinahe-Shoppingorgie in der Stuttgarter Globetrotter Fililiale, ein herrliches Abschiedsessen beim Italiener mit Gabriele und Dieter.
Und schon sitzen wir wieder im Zug nach Pforzheim, Richtung Schwarzwald.
Wir starten auf dem "Westweg" - er führt von Pforzheim durch den Schwarzwald bis nach Basel - und kommen am frühen Abend nach Dobel, ein Ort, der sich auf seiner Website als Eingangspforte zum Schwarzwald bezeichnet. Leider wird das Wetter schlecht, kalte Regenschauer prasseln auf uns runter, und bis wir auf die Idee kommen, die Regenhose überzustreifen - nach dem Kartoffelsack das zweithässlichste Kleidungsstück der Welt - sind die Beine schon nass. Zudem mitten im Wald eine Umleitung- auch für Fussgänger- wegen Bauarbeiten an Windkrafträdern. Nach dem Aufwärmen unter der heissen Dusche machen wir uns ausgehungert auf die Suche nach etwas Essbarem. Die Schockstarre setzt nach einigen Minuten ein - kein einziges Restaurant im Ort hat um 20h30 noch geöffnet, nicht mal die rettende Dönerbude gibt es. Und dem Hotelbetreiber erstirbt sein wohlgemeinter Hinweis, im sechs Kilometer entfernten Nachbarort gebe es vielleicht noch etwas, in der Kehle, als er unsere Blicke sieht. Aber Kurtaxe zahlen! 

Also Zimmerpicknick mit Proviantresten. Im Fernsehen kommt Aktenzeichen XY. Auch etwas sehr Deutsches, so kommt es uns vor. Erstens ästhetisch, denn auch wenn Ede Zimmermann nicht mehr unter den Lebenden weilt, sind die Dialoge noch genau hölzern, die Schauspieler noch genauso schlecht, die Darstellungsform noch genauso betulich wie vor vierzig Jahren.
Und dann vor allem inhaltlich! Kaum zu glauben, aber die Sendung, die wir im Hotelzimmer sahen, griff einen Mordfall aus dem Jahre 1987 auf! In Brasilien werden jedes Jahr an die 60000 Menschen kalt gemacht, da untersucht die Polizei noch nicht einmal die Fälle, die vorgestern sich zu trugen. Ganz zu schweigen von den Fällen, die sie, wie den Mord an der linken Stadträtin Marielle Franco in Rio Mitte März, garnicht aufklären w i l l !

Am nächsten Tag zeigt sich, warum der Schwarzwald weit über seine Torte hinaus so berühmt ist. Riesige, dichte Nadelwälder, tiefe dunkle Täler und weite Höhen, moosüberzogenes Unterholz und knorrige Wurzelwege - man würde sich nicht groß wundern, wenn einem plötzlich ein kleines Mädchen mit einem roten Mützchen und einem Korb mit Wein und Kuchen für die kranke Großmutter entgegenkäme... Jetzt laufen wir auch immer öfter durch Schneefelder, nach der ersten Begeisterung, mal wieder echten Schnee zu sehen, empfinden wir das Gestapfe durch den Schnee es als ziemlich ermüdend. Zwei Schritte vor, einen zurück...

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Kommentare: 4
  • #1

    Michael (Montag, 02 April 2018 18:34)

    sehr nett zu lesen ...

  • #2

    Uschi und Wolfgang (Montag, 02 April 2018 19:15)

    Große Bewunderung, Ihr beiden Helden! Wir sind zur Zeit mit dem Auto in Irland, Schottland und England unterwegs und schlottern beim Spaziergang durch die Städte, weil wir beim Packen nicht mit einem Wintereimbruch gerechnet hatten. Liebe Grüße

  • #3

    Monika (Dienstag, 03 April 2018 09:33)

    "Wes Herd dies auch sei,
    hier muß ich rasten!"

  • #4

    Marco Stirn (Dienstag, 03 April 2018 10:52)

    Stuttgart schon, na dann fehlt ja nicht mehr viel : )